Erlebnispädagogik

Erlebnispädagogik

1. Definition Erlebnispädagogikerlebnispaedagogik
2. Ziele der Erlebnispädagogik
3. Geschichtliche Entwicklung der Erlebnispädagogik
4. Didaktische Prinzipien der Erlebnispädagogik
5. Methodische Prinzipien der Erlebnispädagogik


 

1. Definition

Wesentliche Bestimmungsmerkmale für die Erlebnispädagogik liegen in der Orientierung von Lernen und Entwicklung in und am Leben, an Individualität und Ganzheitlichkeit (Körper, Geist und Seele). Zur Erreichung dieser, werden vor Allem erlebnisgewährende Medien, wie z.B. die Natur, genutzt. Die Grundidee der Erlebnispädagogik ist „Learning by doing“ (Lernen durch Tun / Handeln). Dies bedeutet, dass nicht disskutiert, sondern getan wird. Der Ausgangspunkt für dieses soziale Lernen ist keine Theorie durch Gespräche oder Belehrungen, sondern eine konkrete, gemeinsame Erfahrung in einer Gruppe.

Man will weg von vorgegebenen Lernzielen, den festgelegten und eingeschränkten Gruppennormen, wie wir sie aus vielen anderen Formen pädagogischer Arbeit kennen (z.B. aus dem Kindergarten – hort oder –heim). Die Tagesabläufe sind zu sehr vorgegeben und risiko-ausschließend (Bewahr-Pädagogik). Alles ist geplant, kommt etwas Neues oder ein unvorhergesehenes Ereignis, bringt es das System durcheinander. Das zusätzliche distanzierte, aber beschützende Verhalten des Pädagogen verhindert eine eigenständige und individuelle Entwicklung des Kindes / des Jugendlichen.

Die Bandbreite der Maßnahmen erstreckt sich unendlich weit. Sie beginnen mit erlebnispädagogischen Spielen im Haus und im Freien, geht weiter über Tagesgeländespiele, Wildwasserfahrten, Höhlenexpiditionen oder Reiseprojekte über mehrere Wochen und Monate (z.B. mit dem Dreimastschoner „Thor Heyerdahl“)

 

2. Ziele der Erlebnispädagogik

In der Erlebnispädagogik geht es vorrangig um konkrete und gemeinsame Erfahrungen in einer Gruppe. Es gibt dabei kein gut oder besser, kein Gewinnen oder Verlieren, sondern das kooperative Verhalten innerhalb des Gruppenverbandes soll gefördert werden. Den Jugendlichen soll klar werden, dass jedes Mitglied die Gruppe trägt und sie mit ihren Fähigkeiten (egal, wo diese liegen mögen) unterstützt. Im Gegensatz dazu wird jedes Mitglied von der Gruppe unterstützt und von ihr gehalten. Jeder ist auf den anderen angewiesen, so dass das soziale Verhalten geschult werden muss, um das gesetzte Ziel zu erreichen. Dabei spielt die Verantwortung sowohl für sich und seine Entscheidungen, als auch für die anderen Teilnehmer eine große Rolle. Nur wenn einer den anderen (be-)achtet, können Entscheidungsprozesse produktiv ablaufen und Konfliktsituationen glimpflich gelöst werden.

ErlebnispädagogikWandernVerantwortung tragen für Etwas, bedeutet auch, die Konsequenzen zu ertragen, denn nicht jede Aktion ist erfolgreich. Und dazu muss die Gruppe und jeder einzelne nun stehen und diese tragen (z.B. die selbstgebaute Hütte bricht ein und lässt Regen durch).

Ein weiterer Aspekt der Erlebnispädagogik ist die Entwicklung eines positiven Körpergefühls. Die Teilnehmer können neue und ungewohnte Bewegungsmöglichkeiten entdecken und dadurch ein besseres und ausführlicheres Bild des eigenen Körpers entwickeln, denn viele Aufgaben verlangen den Einsatz aller Körperteile (z.B. abseilen, klettern,...).

Gerade in der Pubertät, wenn der Körper der Jugendlichen sich verändert und sie nicht wissen, was gerade mit ihnen geschieht, ist so etwas eine große Unterstützung, wenn ihnen dargelegt wird, was sie mit ihrem Körper (Kraft und Ausdauer) alles erreichen können, ihnen also die positiven Seiten klargemacht werden.

Die Aufgaben einer erlebnispädagogischen Aktion sind so gestaltet, dass eine Verbesserung der Selbsteinschätzung möglich ist. Die erfolgreiche Bewältigung einer zunächst für unlösbar gehaltenen Aufgabe, hilft den Jugendlichen, eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entdecken. Dadurch fällt es ihnen leichter, einen Platz in der Gruppe zu finden und diesen einzunehmen. Viele Jugendliche bekommen von ihren Altersgenossen nur negative Zuwendung, indem sie, vielleicht wegen ihres Äußeren, gehänselt oder bloßgestellt werden. Die Jugendlichen glauben mit der Zeit wirklich, dass sie schlechter oder minderwertig sind. Ihr Selbstgefühl sinkt ab. Dadurch, dass Problemlösungen einer erlebnispädagogischen Einheit Kraft und Köpfchen erfordert, können sie ihre Fähigkeiten so einbringen, wie sie der Gruppe helfen werden. Allein die Tatsache, zum Erreichen des Zieles beigetragen zu haben und die Anerkennung der anderen richten das Selbstbewusstsein ein wenig auf.

Eine erlebnispädagogische Aktion ist jedoch nicht immer mit Erfolg gekrönt, auch die Einsicht, dass die Gruppe das Ziel nicht erreicht hat oder das alles schief gelaufen ist, ist eine Erfahrung. Das daraus entstehende Frustrations- und Aggressionspotential soll jedoch reflektiert und aufgegriffen werden. Schließlich muss klar werden, dass jeder Mensch ein Recht auf Frustration und Aggression hat. Zusammen werden neue Wege und Alternativen gesucht, diese zu bewältigen und abzubauen. Aus jeder Frustration soll eine neue Motivation entstehen.

 

3. Geschichtliche Entwicklung der Erlebnispädagogik

Als eigentliche Wurzel der Erlebnispädagogik zählt die Bewegung der Landerziehungsheime von Hermann Lietz (1868-1919). Lietz hat damals erkannt, dass das Kind bisher lediglich Objekt der Pädagogik war. Sein ziel war es, das Kind in den Mittelpunkt der Erziehung zu rücken. Ihm sollten die eigenen Bedürfnisse zugestanden werden, die Erziehung sollte „vom Kinde aus“ gehen.
In den zwanziger Jahren gründete Kurt Hahn (1886-1974) die berühmte Salemer Schule. Denn auch er war der Meinung, dass junge Menschen „Verfallserscheinungen“ aufwiesen. Hahn kritisierte unter anderem die „Spektatoris“, die Zuschauerkrankheit, in Verbindung mit fehlender Selbstinitiative. Bedingt sei das durch die immer moderner werdenden Kommunikationsmittel, die dem Menschen einen scheinbar passiven Kontakt ermögliche (z.B. Telefon). Der Verfall körperlicher Tauglichkeit (gefördert durch moderne Fortbewegungsmittel), eine verringerte Geschicklichkeit und Sorgfalt (durch schwächer werdendes Handwerkertum) und vor allem die Unfähigkeit Gefühle für den Nächsten zu entwickeln (durch ständige Hast, Eile und Konkurrenz) waren weitere Anklagepunkte in Hahn´s Kritik.
Er war eher der Auffassung, das Platons Idee der Nachahmung und Übung ein entscheidender Faktor für das Lernen sei. Hahn´s Idealvorstellungen von Erziehung war ein Lernen, dass sich durch konkretes Handeln und praktischen Lebensbezug auszeichnet. Daraufhin stellte er seine Prioritätenliste der Erziehungsaufgaben zusammen:

  • Charakter
  • Intelligenz
  • Wissen

Neben dem Unterricht gab es an der Salemer Schule vier weitere Aktivitäten, deren eigentliche Wirkung nur durch ihre Gegenseitigkeit und ihren Zusammenhang entsteht. Alle vier stehen unter dem gemeinsamen Motiv des Erlebens:

    der Dienst am Nächsten:
    er organisierte an seiner Schule eine Schülerfeuerwehr, eine –bergrettung und die Wasserwacht. Rettungsdienste von Schülern für alle, die in Not sin

    das körperliche Training:
    Mut, Überwindungskraft und Ausdauer sollte gesteigert werden

    Projektarbeit:
    ... stellt die Möglichkeit dar, eine Aufgabe in möglichst vielen Bereichen zu bewältigen (z.B. handwerklich, technisch, geistig, musisch,...)

    Organisation von Expeditionen:
    Sollte die mangelnde Initiative bekämpfen und die Entschluss- und Überwindungskraft fördern.

Hahn´s Ziel war es, Charaktere zu prägen. Charakterbildung durch die Erziehung zur Verantwortung durch Verantwortung. Diese soll zur Förderung der Demokratie beitragen, in dem junge Menschen befähigt werden, sachlich zu argumentieren, ohne den anderen oder sich selber zu beschuldigen oder zu verleumden.

 

4. Didaktische Prinzipien

Eine Richtlinie in allen erlebnispädagogischen Bereichen heißt: „Nicht reden, sondern handeln“. Dem Reden über Erfahrungen sollen unmittelbare Erfahrungen und persönliches Erleben entgegengesetzt werden.
Einen weiteren wichtigen Raum nimmt das Prinzip „Mitgestaltung statt Konsum“ ein. Die Jugendlichen werden aufgefordert, ihre Bedürfnisse zu erkennen, zu planen und umzusetzen.- Ihre Phantasie wird gefordert, denn im Grunde ist alles möglich, wenn die Grundmotivation vorhanden ist.
Der Lernerfolg der Situation / Aktion ist wesentlich höher, wenn Jugendliche (als die Lernenden) der Aufbau dieser systematisch mitverfolgen und mitbestimmen. Die Zusammenhänge sind klar erkennbar und können von ihm nachvollzogen werden (Projektorientierung).
Um den Zielen der Erlebnispädagogik als solches näher zu kommen, muss vor allem die Beziehungsdefinition vom Sozialarbeiter zum Jugendlichen neu geklärt werden. Erlebnispädagogik ermöglicht, ja fordert sogar eine neue Beziehung zwischen Pädagogen und Teilnehmern: der Pädagoge tritt als Gesamtheit „Mensch“ auf, d.h. mit Körper, Geist und Seele. Im gemeinsamen Zusammenleben und Bewältigen einer Situation ist er also Mensch und nicht pädagogischer Funktionär. Er sollte ehre emotional, vom Gefühl her, handeln, anstatt das Gesetzbuch hervorzuholen um Ge- und Verbote auszusprechen. Diese Tatsache führt oft zu einem Leiter- Teilnehmerverhältnis, das den Teamer als hierarchischen Chef hervorhebt.
Auch das Verhältnis von Arbeit und Freizeit muss in der Erlebnispädagogik neu bestimmt werden. Der Alltag hat oftmals einen geregelten Ablauf: aufstehen, Schule/Arbeit, Hobby/Freizeit/Gesellschaft, schlafen,... Für viele Jugendliche trennt der Tagesablauf die zwei Bereiche Beruf und Freizeit in das „Muss“ Schule und den „Spaß“ Freizeit. Erlebnispädagogische Aktionen ermöglichen jedoch ganzheitliche Lebenserfahrungen, z.B. liegen handwerkliche Arbeiten und Spaß, Erlebnis nah beieinander (z.B. beim Bau einer Brücke über einen Fluss oder Hüttenbau).
„Heraus aus der Betonwüste“. Erlebnispädagogik nutzt die Natur vor allem als Medium für Erlebnisse, unbekannte Situationen und auch Gefahren. Sie ermöglicht dadurch Umwelterfahrungen, indem sie unmittelbare sinnliche Erfahrungen mit Natur und Gruppe verbindet. Die Umwelt soll durch die Erlebnispädagogik einen höheren Stellenwert bekommen und sensibel machen für den Schutz der Natur.

Als Pädagoge sollte man immer darauf achten, dass der Erlebnispädagogik keine einfachen Weltbilder oder Ideologien weitergegeben werden. Vielmehr soll durch ein ständiges Reflektieren und Hinterfragen der (Zeit-) Geschehnisse eine ständige Entwicklung des Einzelnen stattfinden, der damit in kleinen Schritten seine individuelle Weltanschauung entwickelt. Diese wird von der Gruppe nicht hinterfragt oder bewertet, da es alleinige und individuelle Sache des Gruppenmitgliedes ist.

 

5. Methodische Prinzipien

  • zunächst muss das Ziel, dass man mit einer erlebnispädagogischen Aktion erreichen will, klar verfasst werden
  • dabei muss das Klientel, die Zielgruppe, im Blickfeld bleiben. In welcher Problemsituation stecken sie gerade (z.B. Schüler, Azubis, Jugendliche aus gesellschaftlichen Randgruppen,...)
  • danach bleibt die zeitliche Abmessung der Aktion zu überlegen (z.B. Kurzzeit- oder Langzeitmaßnahme)
  • erst danach können spezifische Programmformen ausgearbeitet werden (z.B. natur-sportliche, künstlerisch-kulturell, technisch,...)
  • je öfter jemand in das Gruppengeschehen eingreift, desto mehr Erfahrungen und Möglichkeiten nimmt er den Teilnehmern. Der Gruppenleiter sollte, sich also nicht als Leiter im Sinne des autoritären Führers verstehen, sondern eher als kompetenten Partner der Teilnehmer, der die Autorität auf Grund seiner Fähigkeiten erwirbt. Sein oberstes Ziel muss es sein, nicht mehr gebraut zu werden. Durch Denkanstöße und kleinere Hilfestellungen soll er die Aktion ins Rollen bringen und sich dann zurücknehmen.
  • Das bedeutet auch, offen zu sein für die Ideen der Gruppe, flexibel genug zu sein, auf die Bedürfnisse einzugehen.
  • Dazu gehört eine Portion Selbstbeherrschung, besonders dann, wenn er sieht, dass die Jugendlichen in die falsche Richtung laufen oder sie einen wichtigen Teil unbeachtet lassen. Selbst dann sollte nicht eingegriffen werden, sondern mit ihnen zusammen werden die Konsequenzen getragen.
  • Passive Gruppenleitung ist eine der schwierigsten Stile, in die man langsam hineinwachsen muss.
  • Eine wichtige Grundvoraussetzung ist es, dass der Leiter absolut mit der Aktion vertraut ist, die einzelnen Aktivitäten vollständig beherrscht (z.B. Wildwasserrafting, Klettern,...). Ist man in der Vorbereitung schon unsicher, sollte ein Fachmann hinzugezogen werden, um Risiko- und Gefahrenquellen zu vermeiden. Die Sicherheit der Gruppe hat höchste Priorität deshalb sollte man alle Sicherheitsmaßnahmen einhalten und vorher die Materialien (Seile, Helme, Gurte,...) auf ihre einwandfreie Sicherheit überprüfen.
  • Vor allem sollte man sich auf einen möglichen Unfall vorbereiten. Damit ist nicht nur ein Erste-Hilfe-Wissen gemeint, sondern man sollte in der Nähe eines Aktionsortes entweder ein Auto haben oder einen Anlaufpunkt wissen (Nachbarn, Bauern,...) – Handy!
  • Bei der inhaltlichen Vorbereitung muss der Pädagoge die Gruppensituation kennen und einschätzen können. Die von ihm gestellte Aufgabe muss von ihr gelöst werden können, und zwar ohne Über- oder Unterforderung und so, dass alle einen Teil zur Lösung beitragen können (Kraft, Intelligenz, Wahrnehmungsfähigkeit,...)