Geschlechtsspezifische Jugendarbeit

Wer kennt das nicht aus der Gruppenarbeit: die Jungen spacken und toben, während die Mädchen in Ruhe basteln wollen. Oder die Mädels zicken herum, weil sie sich nicht schmutzig machen wollen, während die Jungs lustig durch den Wald toben.

All dies hat seine Gründe und trotzdem gibt es Tricks und Kniffe, damit alle ihren Spaß an gemeinsamen Aktionen haben.

1. Was ist geschlechtsspezifische Jugendarbeit?

Begründung für Jungen-/Mädchenarbeit
Ziele von Jungen-/Mädchenarbeit

2. Mädchenarbeit

Verhalten von Mädchen in Gruppen
Problemfelder
Inhalte ( Was brauchen Mädchen? )

3. Jungenarbeit

Verhalten von Jungen in Gruppen
Problemfelder
Inhalte ( Was brauchen Jungen? )


 

1. Was ist geschlechtsspezifische Jugendarbeit?

Begründung für Jungen-/Mädchenarbeit

SGB 8 §9 (3): “Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind die unterschiedlichen Lebenslagen von Jungen und Mädchen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern.”

Fakten:

  • bis zum 6 / 7 Lebensjahr ist das Geschlecht des Spielpartners noch völlig egal
  • später heißt es “ih Jungs” “ih, Mädchen”
  • in der Pubertät entwickeln sich Kinder zu „prollende Paschas“ und „kichernden Hühnern“
  • in dieser Zeit merken Jungen auch, dass sie Mädchen körperlich überlegen sind
  • Mädchen bemerken dagegen häufig, dass sie den Jungen sprachlich (kommunikativ) überlegen sind
  • ab 11/12 Jahren merken insb. die Mädchen, daß ihr Körper und ihr Inneres sich verändert, die Jungen merken dies es später
  • insgesamt muss klar sein, daß es nicht “den Jugendlichen” und “das Kind” gibt, sondern, daß es sich immer um verschiedene Individuen handelt (auch geschlechterunterschiedliche Individuen)
  • In Gruppen (auch in Schule etc.) herrscht große Dominanz der Jungen (durch hohe Lautstärke, Auffälligkeiten in der Gruppe (Kaspern, etc)

Die Einteilung in Geschlechter ist der einschneidenste gesellschaftliche Unterschied der Menschen. Somit muss sich jeder Mensch mit seinem Geschlecht und seiner Rolle in der Gesellschaft abfinden.Dieser Prozeß dauert sehr lange, die Forschung meint dazu, daß der Prozeß der Identifikation mit dem eigenen Geschlecht teilweise auch noch nicht mit 25 Lebensjahren abgeschlossen ist. Für die Jugendarbeit stellt sich somit folgende Problematik: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich mit den Rollenbildern vertraut machen, und ihre eigene, gefestigte Position zu ihrer Geschlechtsrolle haben (oder in der Vorbereitungsphase finden).

Ziele von Jungen-/Mädchenarbeit

Das Ziel einer geschlechtsspezifischen Jugendarbeit kann und darf nicht die Trennung der Geschlechter sein. Auch für die Jugendarbeit muß eine möglichst beste "Förderung" beider Geschlechter angestrebt werden. Gemischtgeschlechtliche Jugendgruppen sollen attraktive Angebote für Mädchen und Jungen haben. Das gemeinsame Tun ist wichtig, es darf aber nicht auf Kosten eines Geschlechtes durchgesetzt werden. In einigen Programmpunkten kann es auch nötig werden, gleichgeschlechtliche Kleingruppen einzurichten, damit ein Geschlecht speziell "gefördert" werden kann (z.B. Gesprächsgruppen über Freundschaft o.ä.). Ferner ist es die Aufgabe einer/s guten MitarbeiterIn, Probleme z.B. im Gesprächsverhalten innerhalb gemischtgeschlechtlicher Gruppen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Die Jugendlichen sollen merken, dass sie z.B. in der verwirrenden Phase der Pubertät, nicht alleine dastehen und, dass andere Jugendlichen die gleichen Probleme haben und sie miteinander gelöst werden können.

 

2. Mädchenarbeit

Verhalten von Mädchen in Gruppen

  • Ihre traditionellen Spiele sind kooperativ strukturiert, so dass der Erfolg der einen Mitspielerin nicht unbedingt den Mißerfolg der anderen bedeutet & Gewinnen und verlieren spielt keine Rolle.
  • Es sind kein hierarchischen Spiele, es gibt keine Anführerinnen.
  • Mädchen spielen meist in Paaren oder kleineren Gruppen. Im Mittelpunkt der Spiele steht ein gemeinsames Tun. Mädchen definieren sich über Nähe zu anderen (z.B. die besten Freundinnen)
  • Mädchen akzeptieren eher ruhiger Gruppenstundeninhalte, wie Basteln oder Diskussionsrunden.
  • Die Sprache der Mädchen sind dialogisch orientiert ("laßt uns", "wollen wir nicht"), dies bedeutet, daß ein gemeinsamer Beschluß angestrebt wird, es ist ein Versuch Kompromisse zu finden.
  • Mädchenbeziehungen gründen sich sehr viel mehr als bei Jungen auf Gespräche. Sie haben keine Probleme, über sich selbst, ihre Freunde und Freundinnen und ihre Beziehungen zu sprechen.
  • Problem: Mädchenbeziehungen gründen auf Übereinstimmung und Gemeinsamkeit. Dieses Gleichheitsprinzip bringt dann Probleme mit sich, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt.
  • Mädchen setzen selten Dominanz noch Aggressivität ein, weil sie dadurch das Gleichheitsprinzip untereinander gefährdet.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass Konflikte unentdeckt bleiben, ist bei Mädchen größer. Sie reden eher „hinter dem Rücken“ und vermeiden die offene Auseinandersetzung.

Problemfelder

  • Mädchen werden immer noch weniger stark gefördert als Jungen (mit dem Hintergedanken, wenn aus ihr nichts wird, kann sie ja immer noch heiraten und wird so versorgt)
  • Eltern mischen sich in die Freizeitgestaltung von Mädchen immer noch mehr ein, als bei Jungen (Ausgehzeiten, Disko, Fahrrad fahren) - sie haben mehr Angst vor sexuellen und gewalttätigen Übergriffen, als bei Söhnen
  • Folge: Mädchen sind in der Öffentlichkeit weniger zu finden, als Jungen (eher mit Freundinnen zu Hause)
  • in der früheren Kindheit haben Mädchen weniger Freiheiten zu räumlichen Erkundungen (es kann sich ja weh tun oder ihr kann etwas passieren)
  • Mädchen werden von Kindheit an eher dazu erzogen, daß sie Rücksicht nehmen und sich sozial verhalten
  • Mädchen bleiben länger unter der sozialen Kontrolle der Eltern

gesellschaftlich gesehen:

  • Mädchen orientieren sich schnell am Schönheitswahn der Medien (Gewalt und Antipathie gegen den eigenen Körper -> Bulimie etc.)
  • Sie erleben die Frau häufig als Sexualobjekt im Fernsehen und Medien
  • Ihnen wird früh die Gefahr von Gewaltandrohung oder sexuellen Übergriffen klargemacht.
  • Beruflich erleben sie die Nichtanerkennung von Haus- und Frauenarbeit

Inhalte (was brauchen Mädchen?)

  • PädagogIN, GruppenleiterIN
  • feste Gruppe
  • eigenen Raum (als Schutzraum für eigene Erfahrungen)
  • Die Möglichkeit neue Fähigkeiten zu entdecken und zu fördern (auch “mädchenfremde”, z.B. Fuß- Basketball, Mofa fahren, sich dreckig machen...)
  • Vertrauensatmosphäre: Möglichkeit, Fragen zu fragen, die man Eltern nicht fragt, offenen Erfahrungsaustausch
  • Förderung der Körperwahrnehmung (auch mal raufen, Grenzern kennenlernen... NEIN sagen... sie alleine bestimmen über ihren Körper)
  • Erfahren, daß andere Mädchen in ihrem Alter dieselben Probleme haben
  • Förderung des Selbstbewusstseins – die Entwicklung einer ICH-Identität
  • Mut, Durchsetzungsvermögen entwickeln (auch mal nicht sozial sein müssen, sondern die eigenen Interessen zu verwirklichen)

 

3. Jungenarbeit

Verhalten von Jungen in Gruppen

Jungen spielen eher in größeren, hierarchisch orientieren Gruppen. Es gibt meist einen dominanten Anführer. Die Jungen die lassen sich untereinander ihre Unterlegenheit spüren.

  • Die Hierarchie kann sich auch verändern (z.B. in Spielen, in verschiedenen Rollen z.B.als Clown). Somit lehrt jeder Junge mit herber Kritik umzugehen.
  • Jungen lernen, sich in dieser Struktur in den Mittelpunkt zu stellen. Sie gehen dadurch nicht unter.
  • Sie lernen, sich mit Sprache in den Mittelpunkt zu stellen (Gags, Geschichten erzählen usw.).
  • In der Regel wissen Jungen genau, wie sie sich in der Sprecher bzw. Zuhörerrolle zu verhalten haben.
  • Die Jungen wissen, daß die Kommentare aus dem Publikum (z.B. auf ein Stichwort "dick" kommt aus dem Publikum "selber fett"), nicht vordergründig auf sie selbst gerichtet sind, sondern eher um den Zwischenrufer selbst in den Mittelpunkt des Geschehen zu stellen.
  • Bei Jungen geht es "heftiger" zu. Streitereien sind für Jungen teilweise sogar eine Form der Kontaktaufnahme, verbale Ausfälle werden in Jungengruppe als normal angesehen.
  • Jungen versuchen ständig ihre Hierarchiestufe durch Streitereien auszuloten.
  • Jungen scheuen sich nicht davor, Befehle zu geben ("Wir spielen jetzt das!").
  • Sportliche Jungen stehen in der Regel in der Hierarchie oben, unsportliche, unattraktivere Jungen werden meist auf die hinteren Plätze verwiesen, was stark an dem Selbstbewußtsein der JungenJungenarbeit kratzen kann.
  • Themen, über die mit Mädchen einfach zu diskutieren ist (z.B. Glaube, Liebe, Freundschaft) sind Jungen eher peinlich. Ihre Verletzlichkeit kann dabei offen zu Tage treten, und es besteht für ihre Prägung die Gefahr, daß dies von den anderen Jungen für Rangstreitigkeiten ausgenutzt werden kann.
  • Jungen untereinander reden normalerweise nicht über Emotionales, Gefühle, Persönliches, eben weil sie dadurch angreifbar werden.
  • Probleme: Das Schweigen über die eigenen Probleme ist das Defizit der Jungen. Probleme werden nicht so offen wie in Mädchenfreundschaften diskutiert. Es gibt auch keine engen Jungenfreundschaft wie bei Mädchen.

Problemfelder

  • an Problemen wie “Jugendkriminalität” und “Gewalt an der Schule” sind in erster Linie Jungen beteiligt
  • Jungen werden bis zum 12. Lebensjahr zu 80% von Frauen erzogen (KiGa, Grundschule, Mutter,...)
  • sie kennen häufig den Vater nicht, leben von ihm getrennt und somit fehlt eine positive Identifikationsfigur.
  • sie erleben, daß sie den Mädchen gegenüber kräftemäßig überlegen sind
  • sie sehen im Fernsehen mehr nackte Frauen als nackte Männer (die Frau als Sexualobjekt für den Mann)
  • sie bestimmen in der Schule das Unterrichtsgeschehen, sind lauter und offensiver
  • lernen, daß sich Männer prügeln, aber niemals weinen (lernen von Kind auf an Gefühle zu unterdrücken)
  • sie werden von der Mutter getröstet, vom Vater ermutigt
  • sie sehen fast nur männliche Helden in den Medien (Lara Croft als Ausnahme)

gesellschaftlich gesehen:

  • durch Emanzipation der Frau erleben die Jungen eine Gefahr für die Rollenhierarchie
  • die erfolgsorientierte Gesellschaft stellt neue Leistungsanforderungen: nicht mehr Körperkraft wird gesucht, sondern Teamgeist, Flexibilität und Lernbereitschaft (das macht Frauen zu Konkurrenten)
  • die Rolle des Ernährers geht verloren (durch Lohnanpassung von Frauen, Arbeitslosigkeit, eigenes Einkommen der Frau)
  • Männer gehen zu leichtfertig mit ihrem Körper um, ihnen fehlt die Beobachtungsgabe, Signale aus sich heraus wahrzunehmen (wenn Krankheit auftritt: absolute Hilflosigkeit, Selbstmitleid und jammern)

Inhalte (Was brauchen Jungen?)

  • PädagonE, GruppenleitER
  • Sie müssen auch „rumspacken“ dürfen. In der Pubertät erlebt der Körper einen 30fachen Testosteronausstoß – der Speichelfluss ist erhöht (ausspucken von Speichel) und auch die Sprache wird sexualisiert. Dies ist eine Reaktion auf die biologischen Vorgänge des Körpers.
  • die Jungen brauchen Freiheit & Bewegung (dies sollte in der Planung von Gruppenaktivitäten unbedingt berücksichtigt werden)
  • sie brauchen „Rivalität und Kämpfe“ – Spiele und Aktionen, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt
  • Eine „Bande“ – eine Gruppe mit klaren Rollen und Strukturen. Sie geben Sicherheit und festigen die eigene Identität.
  • „Rituale“ - als Zeichen der “klaren Linie”. Immer wiederkehrende Strukturen bieten Orientierung
  • Vorbilder – Männer, die ein positives Rollenbild vorleben
  • Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsrolle (insb. Grenzen + Konsequenzen kennenlernen)
  • Erweiterung des Erlebnis- und Verhaltensreportoire. Da sie bis zur Pubertät zum größten Teil von Frauen erzogen werden, wissen sie was „weiblich“ ist. Um „männlich“ zu werden, tun sie eben genau das Gegenteil von dem, was sie von ihrer Mutter kennen, weil männliche Identifikationsfiguren fehlen.
  • sie müssen lernen, Ursachen von Grenzsetzungen zu verstehen (sich “ergeben”, Verständnis zeigen, Konsequenzen tragen lernen)
  • Jungen müssen lernen, daß man Anerkennung und Macht nicht nur über Aggression & Gewalt bekommt
  • Sie müssen Vertrauen lernen und erkennen, dass es gut ist, über Probleme zu sprechen und Wünsche zu äußern
  • Vertrauen, um neue Konfliktlösungsstrategien entwickeln